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12. Deutsch-Französische Wanderwoche in Serre du Villard/Südalpen, Mai 2005

56 Cannetaner und Königsteiner auf Wanderschaft in den Südalpen

Inzwischen sind die Wandertreffen eine beliebte Konstante der Partnerschaft zwischen Le Cannet und Königstein geworden. Luden die Königsteiner letztes Jahr ins Allgäu ein, entschied sich das französische Komitee diesmal für das Feriendorf „Serre du Villard“ am „Serre-Ponçon“, dem größten Stausee Europas in der Nähe von Gap, der Hauptstadt der Südalpen an der „Route Napoleon“. Die ca. 900 km dorthin wurden von den Königsteinern in PKWs bewältigt, teils mit Übernachtung, teils ohne.

Die gemeinsame Herberge war wieder eine Hotelanlage der „Vacances Bleues“, bestehend aus Haupthaus und mehreren Nebengebäuden inmitten einer grünen Oase. Es wurden täglich Spaziergänge angeboten und mehr oder minder schwierige Wanderungen. Dazu standen der deutsch-französischen Gruppe drei französische Führer (Eric, Pierre und Philippe) zur Verfügung.

Die erste Halbtagswanderung ging ab der Skistation Réallon, 1.560 m hoch und z. Zt. im Sommerschlaf, auf den „Serre du Mouton“. Schafe gibt's aber dort erst ab Juli! Die Wandergruppe erfreute sich an der vielfältigen Blütenpracht der Bergwelt: Weiße Berganemonen und Narzissen, gelbe Schlüssel- und Trollblumen, tiefblaue Schusternägel und Enziane und wilde Lilien in lila und weiß.

Am zweiten Tag gab's eine Ganztagswanderung vom Dorf Les Gourniers in ein Gebiet, das zum „Parc National des Ecrins“ gehört. Dieser Naturpark wurde 1973 gegründet und umfasst auf ca. 92.000 ha Höhen von 800 bis 4.100 m. Wandern kann man auf 740 km Wegen und Pfaden. Es gibt 1.800 verschiedene Pflanzen- und 344 Tierarten im Park.

Beim Anstieg, begleitet vom Rauschen eines wilden Bergbaches, war die erste Station der Wanderer die Kapelle von „St. Marcelin“ in 1.730 m Höhe. Die meisten hielten ihre Mittagsrast an der 1.830 m hoch gelegenen Hütte „Pré d' Antoni“, nur die zehn besonders wandererprobten und konditionsstarken der Gruppe stiegen noch bis zur Schneegrenze in ca. 2.200 m Höhe auf. Dort sahen sie Murmeltiere und Gemsen. An der Hütte umkreiste ein Königsadler die picknickenden Wanderer und verschwand dann in seinem Horst in der Felswand. Zu den am Vortag gesehenen Blumen gab's noch neue: blaue Kugelblümchen, lila Leinkraut und als Besonderheit den kleinen Sonnentau, eine fleischfressende Pflanze.

Am Mittwoch ging's per Autos zur „Abbaye de Boscodon“ südöstlich vom Stausee. Sie liegt inmitten eines 850 ha großen Waldgebietes, das heute von der Präfektur in Gap verwaltet wird und etwas ganz Besonderes ist: Dort wachsen 64 verschiedene Baumarten, vor allem schöne und seltene Nadelbäume wie Weißtannen und Zirbelkiefern. Letztere sind der „Fetisch der Region“. Ihre Nadeln stehen in Fünfer-Büscheln, sie wachsen sehr langsam, können bis 20 m hoch und bis 1.000 Jahre alt werden. Der Einschlag wird streng geregelt, da das rötliche Arvenholz sehr gefragt ist für Schnitzereien, Vertäfelungen und Möbel. Die Samen aus den Zapfen werden durch den schwarzweiß-gefleckten Tannenhäher verbreitet, der sie, wie Eichhörnchen die Nüsse, als Wintervorrat vergräbt, aber nie alle wiederfindet.

Von einem Parkplatz oberhalb der Abtei stiegen die Wanderer bis auf gut 2.000 m und hatten von dort einen einmaligen Panoramablick auf Kloster, Wald und Stausee. Etwas unterhalb lud eine Hochalm mit einem kleinen See zum Picknick. Sie wurde früher vom Kloster als Weideplatz genutzt. Es gibt dort einen kleinen Felsen mit eingemauertem Kruzifix, heute überdacht. Diese „Chapelle St. Pierre“ wird von Pilgern besucht, die vor allem um eine gute Ernte bitten. Eric zeigte der Gruppe eine kleine, gedrungene Pflanze aus der Eiszeit, den Mondfarn. Auch Enziane und Silberdisteln wuchsen auf dieser Hochalm. Vor dem Abstieg kredenzte Eric allen einen Schluck seines selbstgebrauten „Génépi“, eines wohlschmeckenden Kräuterlikörs der Alpen. Pro Liter Alkohol muss man ca. 40 Génépi-Zweige 45 Tage ziehen lassen. Die gelbblühende Pflanze mit Edelweiß-ähnlichen Blättern wächst nur im Hochgebirge. Die Topp-Wanderer ließen es sich nicht nehmen, auch den 2.327 m hohen Gipfel des „Grand Morgan“ zu ersteigen – 1 ½ Stunden mehr auf steilem, steinigem Pfad. Belohnt wurden sie durch den wohl besten Rundblick überhaupt.

Zurück zu den Autos ging's über den „Pyramidenweg“. Da die Südalpen größtenteils aus weichem kalkhaltigem Gestein bestehen, haben sich viele Gebirgsbäche tief eingegraben. Über diese Schluchten ging's bergauf, bergab, wahrlich wie eine Kletterei die Pyramiden hoch und runter! Jetzt wusste jeder, warum er oben den Génépi bekommen hatte!!! Die ganze Wanderung dauerte 6 Stunden ohne die Mittagspause und die Extra-Tour auf den „Grand Morgan“.

Das schöne alte Kloster wird noch heute von Dominikaner-Mönchen geleitet und bewohnt. Die schlichte, zisterzienserähnliche Architektur aus dem 12. Jahrhundert beeindruckte sehr. Zur Zeit werden der Kreuzgang und andere Gebäude renoviert, deshalb beschränkte sich die Visite auf die Kirche. Besonders gefiel dort die moderne Holzskulptur einer Madonna im Stil des 12. Jahrhunderts. Auffallend die großen schmalen Hände, mit denen die Mutter das Kind mehr schützt als hält. Auch eine andere Holzgruppe aus dem 20. Jahrhundert, der heilige Martin, auf einem Pferd sitzend und behutsam den Mantel um den Bettler legend, war ergreifend schlicht und schön, passend zur Kirche.

Der nächste Tag war dann als Erholungspause gedacht – es wurde nur nachmittags eine kleine Wanderung angeboten. Manche nutzten ihn (oder auch andere Tage), um den Stausee per Auto zu umrunden.

Es gibt den „Serre-Ponçon“ erst seit 1961. Der wilde Fluss Durance hatte seine Anrainer immer wieder mit Hochwasser und Dürrezeiten geplagt, so dass man lange auf Abhilfe sann. Endlich, 1955, begann man mit dem Bau des 125 m hohen Staudammes. Nach 54 Monaten Bauzeit konnte das Wasser der Durance auf einer Fläche von 3.000 ha angestaut werden. Zwei Dörfer mussten weichen, die Häuser wurden gesprengt. Eines, Savine, wurde gleich oberhalb neu erbaut. Wassersportler schätzen das „Alpenmeer“, es verschönert die Landschaft und erzeugt 700 Mill. kWh Strom!

Die schönste Stadt am See ist Embrun, hoch über einer Felswand gelegen. Sie war Hauptstadt der Alpenregion in römischer Zeit, später Erzbischofssitz bis zur Revolution von 1789. Alte Portale, Herrenhäuser, Brunnen und Inschriften sind zu bewundern, vor allem die Kathedrale aus dem 12. Jahrhundert im Übergang von der Romanik zur Gotik, mit einem sehr hohen Gewölbe und abwechselnd schwarzen und grauen Steinen. Heute profitiert Embrun von der neuen Touristenregion.

Auch die kleine Stadt Chorges, einige Kilometer westlich vom See, lohnt einen Besuch. Schon 400 v. Chr. war sie von den „Caturiges“, einem indo-europäischen Stamm, der keltisch sprach, besiedelt worden. Später kamen die Römer. Auch in Chorges gibt es ein schönes Stadttor, das eigentlich zu einer nicht mehr vorhandenen Burg gehörte, enge Gässchen, alte Häuser und Brunnen und auch eine Kirche aus dem 12. Jahrhundert.

Der letzte Wandertag war vollkommen für alle! Schon die Autofahrt war ein Erlebnis. Durch die Schlucht des wilden Flüsschens Guil ging's hinauf nach „Château Queyras“, von dort weiter auf einer schmalen Schotterstraße zu einem Parkplatz im „Parc Naturel du Queyras“. Die Gruppe wanderte in zwei Stunden zu einer schönen Hochalm mit urigen Chalets und einem kleinen See, wo wieder gepicknickt wurde. Unterwegs gab's Aussicht auf das Skigebiet von Risoul mit schneebedeckten Bergriesen: Pic St. André und Pic de Chabrières (2.748 m). Nach zwei Stunden Rückweg waren alle wieder am Auto, außer dem Grüppchen der Unermüdlichen, die einen weiteren Gipfel erklommen hatten.

Fazit: Fünf abwechslungsreiche Tage auf Schusters Rappen, manchmal etwas anstrengend, da die jugendlichen Führer das Durchschnittsalter ihrer „Herde“ unterschätzten! Das Wetter war die ganze Woche schön, und schön waren auch Gespräche und gemeinsame Abende in der Hotelanlage. Lilo Roselieb und Antje Strecker holten ihre Gitarren und alle sangen mit. Eric, der Oberwanderführer, entpuppte sich als wahrer Troubadour, seine Chansons zur Gitarre sangen vor allem die Franzosen begeistert mit.

Dank an Gaston Fischesser, der diese schöne Gegend Frankreichs ausgesucht hatte! Die 13. deutsch-französische Wanderwoche ist schon in Planung, diesmal wieder in Deutschland, voraussichtlich im Chiemsee-Gebiet.

 

Bericht: Iris Mensing

 

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