Impressum  |   Datenschutz  |   Kontakt  |   Sprache / Langue: 

Pressespiegel


zurück zur Übersicht


Europäer müssen noch ihr Europa lieben lernen

Taunus-Zeitung vom 07.06.2008


Mit seinen Worten – untermalt von einem sympathischen, manchmal leicht verschmitzten Lächeln – schafft Alfred Grosser es immer wieder die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer zu gewinne. Selbst die, die seine Ansichten nicht oder nur bedingt teilen, schweigen achtungsvoll, wenn der große Denker zum Vortrag ansetzt. Da sollten seine Zuhörer aus Le Cannet und Königstein unlängst keine Ausnahme machen. Im Zuge der Feierlichkeiten rund um das 35-jährige Bestehen der Städtepartnerschaft zwischen Königstein und Le Cannet (wir berichteten) sprach der deutsch-französische Publizist, Soziologe und Politikwissenschaftler über die Situation Europas und dessen Zukunft.

Ein großes Thema für Grosser an diesem Spätnachmittag war die EU-Erweiterung. Seiner Meinung nach seien Rumänien und Bulgarien viel zu schnell in die EU aufgenommen worden. „Es wird schwer für sie werden, alle Anforderungen weiterhin zu erfüllen“, so Grosser. Auch bezüglich der diskutierten Aufnahme der Türkei in die EU hat der 83-Jährige seine feste Meinung. „Ich bin dagegen“, so Grosser, der in Frankfurt geboren wurde und 1937 französischer Staatsbürger wurde. Als einen Grund für seine Haltung nannte er die Unruhen im Irak. „Wenn der Irak zerfällt und die türkische Armee einmarschiert, wäre Europa bei einer EU-Aufnahme mit einbezogen“, so seine Begründung. Kritisch sieht er auch die Idee des „Mittelmeer-Bundes“ und die Frage, ob Israel darin mit einbezogen werden solle. „Eigentlich ist der Mittelmeerbund als Gegengewicht zur Überlegenheit größerer Staaten wie Deutschland vorgesehen. Doch diese Überlegenheit gibt es meiner Meinung nach gar nicht“, berichtete Grosser.
Positiv sprach er über den Euro, hielt aber ein gemeinsames Finanz- und Steuersystem Europas für nötig, damit die einheitliche Währung einen Sinn ergebe. Der Euro sei ein wichtiger Schritt zur Identifikation der Menschen mit Europa. „Institutionen haben Gefühle der Zugehörigkeit geschaffen. Verwunderlich ist nur, dass die europäischen Abgeordneten kaum bekannt sind und sich nur wenige einen Ruf geschaffen haben“, so Grosser.
Zudem kritisierte er, dass lediglich das Negative auf Europa abgeworfen würde. „Positives wird auf die Regierungen zurückgeführt. Wenn etwas schlecht war, ist Europa daran sschuld“, meinte Grosser, bevor in der anschließenden Diskussionsrunde auch die Anwesenden die Gelegenheit hatten, Fragen zu stellen oder ihre Meinungen zu äußern.
So fragte ein Zuhörer nach der Meinung Grossers zu der in Frankreich herrschenden „Francophonie“. „Frankreich hält sich oft für etwas Besseres und leidet ein wenig unter Selbstüberschätzung. Deutschland dagegen verfällt leicht in Selbstmitleid“, meinte der Publizist. Zudem habe Hitler „furchtbare Spuren hinterlassen“, so dass das Wort „deutsch“ immer einen negativen Beigeschmack mit sich führe. Auf eine Frage zur Zukunft Europas meinte Grosser, dass Europa in der Welt nur eine kleine Rolle spiele. Seiner Meinung nach sei eine Aufklärung über die Medien wichtig, damit sich die Menschen auch als Europäer fühlen, nicht nur als Deutsche oder Franzosen.
„Ich bin eher skeptisch, ob dies umgesetzt werden kann. Doch als Optimist halte ich mir immer vor Augen, dass es auch schlechter kommen kann“, betonte Grosser schmunzelnd. (shs)

(c) 2021 - le-cannet.de