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Wanderungen


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13. Deutsch-Französische Wanderwoche im Chiemgau, Juni 2006

Das Quartier der 45 Teilnehmer lag südlich vom Chiemsee in Marquartstein, ausgesucht von einer bewährten Vorhut der Städtepartnerschaft: Dr. Hellmut Beuschel, Dr. Walther Sambeth, Dr. Eckhard Weber, Werner Kainzbauer und Helga Wunderlich.
Früher war das Hotel, der „Weßner Hof“, nur ein Bauernhof, allerdings mit einer geschäftstüchtigen Großmutter, ließ der Wirt, Josef Moritz, bei der Sektbegrüßung wissen. Über das zu erwartende Wetter machte er auch keine Illusionen: Jeden Tag regne es im Sommer, aber nach ein paar Stunden klare es wieder auf.
Um es gleich vorwegzunehmen: Die Sonne schien jeden Tag und es war so heiß wie in ganz Deutschland in der zweiten Junihälfte. Petrus' Geschenk an die Wandergruppe: Es regnete nur abends oder nachts!
Fast täglich wurden zwei Programme zur Auswahl angeboten: Eine leichtere Wanderung inklusive Kultur oder eine anspruchsvollere Bergtour.
Die Kulturfreunde wanderten am ersten Tag von Prien zur romanischen Kirche im Ortsteil Urschalling mit ihren bedeutenden Fresken. Schon um 1800 hatte man das Vorhandensein von Fresken festgestellt, freigelegt wurden sie aber erst ab 1941. 1966 konnte man sie durch ein neues Trockenlegungsverfahren in den Originalfarben dauerhaft für die Nachwelt retten. Das ganze Innere der Kirche ist mit Bilderzyklen des Alten und Neuen Testaments in warmen Rot- und Brauntönen bedeckt. Im 12. Jahrhundert waren Fresken die Bibel der Armen, die ja nicht lesen konnten. Aber warum hatte man sie dann Mitte des 16. Jahrhunderts alle zugetüncht? Nach dem Trienter Konzil unter Papst Pius IV. empfand man die Frauendarstellung der Heiligen Sofia, die Weisheit und in der Mitte der Dreieinigkeit den Heiligen Geist verkörpernd, als anstößig.
Eine zünftige Jause gab's anschließend im Garten der „Mesner Stub'n“, einem benachbarten Gasthof aus dem 16. Jahrhundert. In einem Vorgängerbau war schon um 1100 eine Hochzeitsfeier bezeugt.
Für die ganze Gruppe gab's als kulturellen Höhepunkt eine Ganztagsreise per Bahn nach Salzburg. Der zweistündige geführte Stadtrundgang begann in der schönen Gartenanlage des Schlosses Mirabell - mit Blick auf die Feste Hohensalzberg – und zeigte die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Mozart-Stadt: Altes und neues Mozarteum, Festspielhaus, Getreidegasse, das Geburtshaus Mozarts und das spätere Wohnhaus der Familie, Franziskanerkirche (Barockaltar mit eingesetzter gotischer Madonna), Stiftskirche St. Peter (mit dem Grab des Heiligen Ruppertus, des Gründers der Stadt), Dom (Mozarts Taufkirche), Residenzbrunnen, Alten Markt mit zwei berühmten Kaffeehäusern, Geburtshaus des Physikers Doppler und Wohnhaus Karajans mit seiner Statue davor. Der Tag war sehr heiß, nur oben auf der erzbischöflichen Festung gab es einen frischen Wind und Kühle in den alten Gemäuern.
Die erste richtige Bergtour von über 5 Stunden machten 18 Wanderer zur Hochplatte (1587 m). Mit dem Sessellift fuhren sie bis zur Staffelalm in etwa 1000 m Höhe, danach war Steigen angesagt, zum Teil mit Hilfe der Hände, zum Aussichtspunkt. Eine abwechslungsreiche Landschaft bot sich dar: Kampenwand, Wilder und Zahmer Kaiser. Beim Abstieg gab es Buttermilch von traumhafter Qualität auf einer Hochalm.
Eine leichte Bergbegehung von ca.3 ½ Stunden unternahm eine große Gruppe von 25 Personen ab Bad Endorf zur „Ratzinger Höhe“ entlang eines Obst- und Kulturweges. Von der Terrasse des Gasthofs „Weingarten“ hatten sie einen einmaligen Blick auf die Alpenkette, den Simssee und den Chiemsee mit seinen Inseln.
Die anspruchsvolleren Wanderer fuhren am gleichen Tag erst per Auto, dann per Sammeltaxi, zur Hindenburghütte in 1205 m Höhe. Von dort ging's auf Schusters Rappen über die österreichische Staatsgrenze (Schild!) zur Straubinger Hütte des Deutschen Alpenvereins und weiter auf den Gipfel des Fellhorns. Bei bester Fernsicht konnte der Blick schweifen ins Tal der Tiroler Ache und auf die zackigen Felsen des Wilden Kaiser. Der Abstieg war lang, ungefähr 1000 Höhenmeter, aber erträglich, da er meistens durch Wald, zwischendurch auch über Almwiesen führte, wo es wieder frische Buttermilch zur Stärkung gab.
Der beliebte Aussichtsberg Hochfelln war ein für alle erreichbares Ziel, da es seit 1971 eine Seilbahn gibt. Ein Teil der Gruppe wanderte bis zur Mittelstation und fuhr von dort nach oben, die anderen stiegen die ganzen 1100 m bis zum Gipfel. Auf einem beschilderten Rundweg erfährt man, dass der überall vorkommende Plattenkalk von einem tropischen Meer stammt, das vor 200 Millionen Jahren dort existierte. Auch Reste von Meerestieren findet man verkieselt vor. Jeder stieg noch zum exponierten 7 m hohen schwarz-goldenen Gipfelkreuz, von dem man einen traumhaften Blick auf den Chiemsee hat. Errichtet wurde es 1886 von den Chiemgauer Bürgern zum 100. Geburtstag ihres Königs Ludwig I.. Die kleine Kapelle musste 1970 erneuert werden, da ein Blitzschlag die erste zerstört hatte. Ein großer Gasthof mit genügend Plätzen drinnen und draußen lud zum Mittagsimbiss ein. Die Abfahrt machten alle per Gondel, da es nach Gewitter aussah.
Beim Abendessen ließ Dr. Beuschel einige alte Fotos von 1938 kreisen, die ihn als elfjährigen Buben mit seinen Eltern auf dem Hochfelln zeigte. Damals, noch ohne Seilbahn, mussten sich alle den Gipfel zu Fuß erkämpfen, was vielleicht besonders glücklich machte.
Der Chiemsee, das Bayerische Meer, den alle bisher nur von der Ferne oder aus der Höhe gesehen hatten, war für den letzten Tag vorgesehen. An der Anlegestelle Prien-Stock bestieg man die „Irmengard“. Zuerst ging's zur großen Insel Herrenchiemsee mit dem imposanten Schloss und Park Ludwigs II.. Es sollte eine Kopie von Versailles werden, allerdings fehlte für die Seitenflügel das Geld, und auch sonst wurde es nicht fertiggestellt. 20 prunkvolle Räume sind zu besichtigen – Ludwig selbst hat sich nur neun Tage dort aufgehalten. Man muss den Bau nicht als Wohnschloss sehen, sondern als ein Denkmal des Absolutismus und der Verehrung für Ludwig XIV. von Frankreich. Großartig, was bayerische Künstler dort vollbrachten!
Ein Juwel anderer Art ist die kleinere Insel Frauenchiemsee. Zu einem Frauenkloster gehört die Kirche, in der sich auch das Grab der Äbtissin Irmengard, einer Enkelin Karls des Großen, befindet. Das romanische Kirchenportal stammt noch aus ihrer Zeit, dem 9. Jahrhundert. In etwa einer Stunde hat man die ganze Insel umrundet mit ihren wunderschönen Bauerngärten, in denen vor allem Rosen in allen Variationen blühten. Sie hat etwa 300 Einwohner und zwei große historische Gasthöfe. In einem, der „Linde“, saß die Königstein-Le-Cannet-Gruppe im Schatten alter Bäume und ließ sich bei Zithermusik vor allem Chiemsee-Fische schmecken.
Viele Maler des 19. Jahrhunderts haben zeitweise auf Frauenchiemsee gelebt und gearbeitet, inspiriert von der dortigen Idylle. „Frauenwörth ist das Ufer, wo Frieden und Feierabend sich tiefer ins Herz senken als irgendwo auf der Welt“, schrieb Ludwig Thoma.

Iris Mensing

 

 

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