Es herrscht dichter Nebel, es ist nasskalt – null Grad, die sich kälter anfühlen. Richtig ekliges Spätherbstwetter, keines, bei dem ein Hund oder erst recht eine Katze auf die Straße gehen würde. Aber Menschen schon! 200, vielleicht 300 haben sich am Sonntagnachmittag auf dem Kapuzinerplatz im Herzen Königsteins versammelt zum Singen am Weihnachtsbaum. „Sing along“ heißt die Veranstaltung, die die Singgemeinschaft Königstein 1860/1893 e.V. im vergangenen Jahr initiiert hat und die zum zweiten Mal als Mitmachkonzert den Auftakt in die Königsteiner Adventszeit singend beschreitet.
Bevor es so weit ist, dürfen die Königsteiner erstmal zuhören und staunen. Zunächst über die schöne, ebenmäßig gewachsene Weihnachtstanne, die am Vortag auch von Königsteiner Kindern geschmückt wurde. Schon das ein großes Ereignis, denn die gut 50 Kinder durften – gut gesichert – erst mit den Hubwagen in luftige Höhen von mehr als 30 Metern hinaufschweben, um dann nach unten gelassen zu werden, um Schleifen, Kugeln und Sternschnuppen in den Ästen zu drapieren.
Jazzband und Academie doú Miejour aus Le Cannet trotzen eisigen Temperaturen
Am Sonntag sind dann ab 15 Uhr die rund 45 angereisten Freunde aus der Königsteiner Partnergemeinde Le Cannet die erste Attraktion. Obwohl bitterlich in ihren historischen Kostümen und ob der 20 Grad Temperaturunterschied zur Heimat frierend, zeigt die Folkloregruppe Academi doù Miejour lebenslustige provenzalische Choreographien zu Flötenmusik, wie man sie in Deutschland – jenseits von Königstein – selten zu sehen bekommt. Im Wechsel spielt die Jazz Band aus Le Cannet swingende Rhythmen, bei denen der eine oder andere schon mal mitwippt. Hilft wie der von der Chorgemeinschaft angebotene Glühwein gegen die Kälte. „Sie tragen die Sonne im Herzen“, freut sich Alexander Hees. Und gerührt ist der Vorsitzende des Förderkreises der Städtepartnerschaft erst, als ihm die Jazz-Band das – gewiss nicht französische – Lied „Zum Geburtstag viel Glück“ spielt, er wird an diesem Tag 47 Jahre alt. Nebenan backen seine Eltern Emil und Ellen Hees wie zu alten Zeiten die berühmten Quarkbällchen, auch die wärmen und gehen ans Herz.
Am Vorabend war die französische Gruppe, die für zwei Nächte privat sowie im Kohnstamm untergekommen ist, auf dem Weihnachtsmarkt in Mainz sogar auf großer Bühne auf dem Liebfrauenplatz unter dem Dom aufgetreten– ein voller Erfolg, erzählt Alexander Hees. Zur runden Sache des Besuchs im 52. Jahr der Städtepartnerschaft trug auch die Besichtigung der berühmten blauen Chagall-Fenster in der St. Stefanskirche bei, natürlich war auch noch Zeit für einen Bummel über den Weihnachtsmarkt. Am Sonntagvormittag sind die „Cannetaner“ zudem beim Basar von „Bürger helfen Bürgern“ im Katholischen Gemeindezentrum aufgetreten, ein schönes Programm. Die Südfranzosen dürften wohl alle gerne wiederkommen, vielleicht nicht unbedingt am 1. Advent …
An diesem kommen die kälteerprobten Königsteiner so langsam in Fahrt, als Moderator Daniel Fischer zum „Sing along“ ans Mikro geht. „Der Nebel sorgt für eine schöne Atmosphäre“, meint der bekannte Radiomann aus Eppenhain und freut sich, dass mehr Menschen zum Mitsingen erschienen sind als noch vor einem Jahr. Er erzählt auch, dass bei den noch tieferen Temperaturen bei der Premiere vor einem Jahr der Pianist nach jedem Lied eine Pause einlegen musste, weil die Finger am Einfrieren waren. Dieses Mal teilen sich Veronika Loch und Dieter Paschenda (ebenfalls extra aus Frankreich angereist, allerdings aus Paris) vorausschauend die Aufgabe. Und doch friert wieder etwas ein, und zwar die Tasten des elektronischen Klaviers, die aber rechtzeitig wieder gangbar gemacht werden. Und dann geht es los. Bei den ersten Liedern des großen, gemischten Chors der Singgemeinschaft, dirigiert von Markus Meier, sind die Gäste trotz der bekannten Melodien „Lasst uns froh und munter sein“ und „Leise rieselt der Schnee“ (das immerhin bleibt allen erspart) noch etwas zurückhaltend. Die Zungen müssen sich erst noch lösen. Das gelingt von Lied zu Lied besser: Weihnachts-Klassiker wie „Oh Tannenbaum“ und „Oh du fröhliche“ gehen wirklich jedem von den Lippen, vor allem, wenn die Frauen und Männer der Singgemeinschaft so gekonnt das Tempo vorgeben. So richtig Stimmung kommt „In der Weihnachtsbäckerei“ auf, wenig überraschend das Lieblingslied von Emil Hees. Und mit dem 20. und letzten Lied „We wish you a mery X-mas“ können alle Königsteinerinnen und Königsteiner, die einige Stunden auf dem Kapuzinerplatz ausgeharrt haben, beseelt in die Adventszeit gehen. Singen – das ist keine Floskel – macht wirklich Freude! Auch bei fiesem Spätherbstwetter!


